Vortrag: Postkolonialismus

23909 Ratzeburg

Der Begriff Postkolonialismus vermittelt die Vorstellung, dass nach dem Ende der und mit den Unabhängigkeitserklärungen der Kolonialismus zu Ende gegangen sei. Völkerrechtlich mag das stimmen. Doch die Aus- und Nachwirkungen des Kolonialismus, den man vereinfacht als eine Epoche von Repression und Innovation betrachten kann, sind unverkennbar. Zur Repression zählt die Niederhaltung, wenn nicht gar die Vernichtung der afrikanischen Kultur. Sie wurde von Ausnahmen abgesehen nicht als die identitätsstiftende Einrichtung der unterworfenen Völker gesehen, sondern als Hort von Infragestellung, Ablehnung und potenziellem Widerstand gegen die Fremdherrschaft bekämpft. In diesem Zusammenhang gehört auch die Aneignung von afrikanischem Kulturgut, sei es durch Raub, Kauf oder als Unterwerfungsgeste. Die Sprache der Kolonialherren blieb rechtlich gültige Amtssprache. Das ehemalige koloniale Mutterland übt nach wie vor eine ungeheure Anziehungskraft aus, nicht nur für die Eliten, auch für die Masse der Arbeitssuchenden sind die Ex-Mutterländer die wichtigsten Migrationsadressen. Unbestritten sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Ex-Kolonien wirtschaftlich aufs Engste mit dem Ex-Mutterland verknüpft. Dessen Konzerne, wiewohl heute global vernetzt, prägen nach wie vor die Wirtschaft und Infrastruktur der früheren Besitztümer. Zahlreiche Ex-Kolonien haben Militär- und Entwicklungshilfeabkommen mit der früheren Kolonialmacht oder hängen wie die meisten früheren französischen Kolonien von deren Währungen ab.

 

In den ehemaligen Kolonialmächten selbst wird seit einigen Jahren unter dem Begriff „Postkolonialismus“ eine gesellschaftliche Debatte über die Aufarbeitung der eigenen koloniale Vergangenheit und der damit verbundenen Verantwortung für begangenes Unrecht und Wiedergutmachung geführt. In ihrem Kern steckt die entscheidende und weitreichende Frage, woher der Reichtum der europäischen Nationen wirklich kommt und mit welchen Methoden diese dazugekommen sind. In ihrer Praxis geht es aber häufig nur um kulturelle Fragen, wie die Rückgabe von afrikanischen Kunstschätzen. Eine Diskussion um wirtschaftliche Beziehungen und kulturellen Austausch auf Augenhöhe ist noch nicht erkennbar. Wird dies einem postkolonialen Verantwortungsbewußtsein gerecht oder zeigt sich hier nur eine weitere Facette von neokolonialen Verhältnissen. Der Vortrag sucht dazu Antworten.

Vortrag von Dr. Günther Rusch

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Termine
  • Am 27.10.2022

    Von 19:00 bis 21:00 Uhr

Preis

Kostenlos

Veranstaltungsort

Stadtbücherei Ratzeburg
Unter den Linden 1
23909   Ratzeburg

Kontakt

Volkshochschule Ratzeburg und Umland e.V.

Seminarweg 1
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